Zeichenkunst bis heute

Horst Janssens Text „Opa“ aus dem Faltbüchlein

in originaler Schreibweise

Elste Be
…. Ich wurde sehr von der Strasse weggehalten. Meine Spielplätze waren für viele Jahre einmal der Garten, zum zweiten das Arreal der großväterlichen Werkstatt. Und mein einziger genehmigter Spielgefährte war Rolf Strehle, ein Nachbarssohn gleichen Alters und gegensätzlichen Temperaments: gutmütig bis drömelig und bar jeder Nervosität. Mit ihm saß ich dann, wenn’s draussen regnete, in Opas Werkstatt, auf dem Fußboden unmittelbar im Schatten des Schneidertisches, auf dem dann Opa nach altmodischer Manier, mit untergeschlagenen Beinen, hoch über uns trohnte, das war vielleicht ein Schutzpatron!!!

Zu gerne nahm er den Reinfaden, den er zum Einfädeln und um ihn überhaupt gefügig zu machen, der Länge nach zwischen seinen feuchten Lippen durchzog – womit nicht behauptet wird, dass Opa nicht einen angenehmen trockenen Mund trug – nahm zu gerne diesen also genässten Faden und liess ihn von oben herab in unsere Spielidylle hängen und zwar so, dass das womöglich extra feuchte Ende in Rolf Strehles Gesicht herumbaumelte. Ich bemerkte sowas in meinem Engagement fürs Spielen meist zu spät; nämlich: wenn mein duldsamer Freund endlich vor der schneidmeisterlichen Tückerei kapitulierte: dann sagte er gedehnt: „Ich geh nach Haus“. Und diese Redensart war nicht nur stererty [stereotyp] die gleiche sondern beendete die Sache auch definitiv. Und Opa hatte dann erreicht, mir meine Zorn + Verzweiflungstränen mit irgendwelchen Gunstbezeugungen weg trösten zu dürfen.

In Opa erkannte ich zum ersten Mal in meinem kleinen Leben den Tod. Ich muss sagen, dass mein Großvater ein sehr schweigsamer Mann war – und schon garnicht sprach er mit Oma. Sagte sie z.B. – wenn er just durch die Küche ging, zum Garten hin, zu irgendwelchen nicht zu ernsteren Geschäften – sagte sie dann z.B.: „Vadder, bringst du’n Eimer Wasser mit rein?“ dann war es eine merkwürdige Aktion, wenn er seinen laschen Flanellärmel etwas zur Seite hinausstreckte und mit der gichtigen Schneiderhand den Eimer von Oma entgegennahm und dabei, wie gesagt, absolut keinen Laut von sich gab. Aber er brachte das Wasser. „Bei Tisch“ wurde sowieso nicht geredet, ganz selten unternahm Oma den Versuch – und man MUSS sagen: „sie unternahm“, sie unternahm also ganz selten den Versuch, irgendwie ein 2 silbiges Hin und zurück zustande zu bringen, aber diese Versuche waren eben gattliche Versuche und ihrem Wesen nach schon zum Scheitern verurteilt.

Ihr fiel nämlich in etwa solches ein: 
„Na-“
kleine Pause
„-warheutwas?“
- und da konnte nun, wie sie wissen musste, und wie Opa wusste, dass sie es wissen musste – da konnte garnichts wasimmerauch gewesen sein. 

Mein Großvater war also ein schweigsamer Mann, und wenn er etwas sprach, dann mit seiner Kundschaft, unter der er ganz sicher wieder Favoriten hatte für eine relative Wörterverschwendung. Und mit mir sprach er auch; und in seinen Geschichten und Redensarten nahm nun „Gevatter Hain“ einen bevorzugten Platz ein. Ja – wenn Opa sich zu mir „erzieherisch“ getan hätte, dann wäre „Gevatter Hain“ sowas wie der Haus-Buhmann gewesen. Denn die Art und Weise wie Opa diesen Kerl illustrierte, hatte zur Folge, dass mir der Tod als ein ganz und gar unmystisches Wesen erschien. Wohl war er ein zu fürchtender Geselle, aber einem Räuber ähnlicher als einem Phänomen. Er kam justement aus dem Bilderbuch. 

Und so sah es dann auch aus, als er Opa holte. Vorweg dies: Opa hatte seinen täglichen Mittagsschlaf – natürlich auf seinem Schneidertisch, da lag er dann – der Länge nach, unendlich lang, ziemlich lang – und flach wie ein großes, flüchtig hingeworfenes Tuch – die Knitterkontur im Gegenlicht, das durch ein gelbliches verblichenes Rollos gedämpft über den Tisch fiel. Da lag er dann, mit dem Kopf auf dem Flickenhaufen, und hatte sich das grosse, rote, weißgepunktete Taschentuch übers Gesicht gelegt – zur weiteren Verdunkelung. Dann dauerte es nur ein paar Minuten, und die ersten Röchel und Schnarchvokabeln kamen unter dem Tuch hervor und als nächstes fiel dann der Unterkiefer runter, sodass der Saum des weißgepunkteten Roten über dem tiefschnarchenden Schlund zitterte. Es war für mich ein Schauspiel, das ich immer wieder gierig erwartete, ich durfte nämlich während der Ruhestunde in der Werkstatt bleiben. „Aber du bist still!“ hiess die Order. 

Bleibt zu sagen, dass ich bei meinem Großvater nie geschlossene Augen gesehen habe, bis auf jenen einzigen Tag, an dem es morgens merkwürdig still oder eben ganz „anders“ im Haus war. Ja – in der Nacht war Opa also gestorben und morgens waren da irgendwelche fremde und viel zu viele Personen im Haus. Diese hatten Großvater auf seinen Tisch gelegt und Oma führte mich an die Spaltbreit geöffnete Werkstatttür und ich sah unter ihrem Ärmel hindurch meinen Großvater daliegen, wo er für mich nur Mittags liegen durfte. Und auch mit ihm war alles anders und merkwürdig still. Ich sah im ersten Moment auf die 2 tiefen dunklen Höhlen unter seinen Backenknochen und ich dachte: wo sind seine Augen geblieben, aber dann wusste ich plötzlich, dass die unter den 2 grossen Deckeln über den Backenknochen sein mussten. Klar – unter diesen Deckeln, die so neu für mich waren, schliefen Opas Augen. Mit dem Tuch hatte man ihm das Kinn hochgebunden und dann lagen da die Hände gefaltet auf seinem flachen Körper. Es sah sehr nach Wilhelm Busch aus – und das hatte also der „Räuber“ gemacht. An diesem Tag konnte ich, nebenbeigesagt, noch nichts anfangen mit dieser Neuigkeit. Dass es was absolut Neues war mit Opa, das begriff ich am nächsten oder übernächsten Tag, als man Opa aus dem Haus wegtrug und er einfach nicht wieder auftauchte. Opa war nie verreist gewesen.